Die Wolken von Sils Maria: Wetterphänomen trifft auf Kunstbetrieb Kino

Die Wolken von Sils Maria

Seit dem 18. Dezember 2014 im Kino: Holi, zeise kinos


Theater und Kino – geht das überhaupt zusammen? Jacques Rivette hat in vielen seiner Filme bewiesen, dass das funktioniert. Ebenso wie sein berühmter Kollege hatte auch Olivier Assayas als Filmjournalist angefangen, ehe er 1986 mit „Lebenswut“ sein Regiedebüt gab. Sein neuer Film „Die Wolken von Sils Maria“, bei den Filmfestspielen von Cannes leider leer ausgegangen, ist ein unglaublich komplexer, verstörender und vielschichtiger Film über die Verbindung von Leben und Kunst, von Film und Theater.

Auf der Zugfahrt zu einer Veranstaltung in Zürich, bei der die international gefeierte Film- und Theaterschauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) einen Preis für ihren Mentor, den Autor und Regisseur Wilhelm Melchior, in Empfang nehmen soll, muss sie erfahren, dass dieser Selbstmord begangen hat. Melchiors Witwe (Angela Winkler) bietet ihr an, eine Zeit lang in ihrem Haus in Sils Maria zu wohnen, um für ein Theaterstück zu proben. Der deutsche Regisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) hat Maria überredet, das Stück „Majola Snake“ von Wilhelm Melchior noch einmal zu spielen. Mit der Rolle der Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in den Selbstmord treibt, hatte Marias Karriere vor 20 Jahren begonnen. Doch diesmal soll sie die Rolle der Helena spielen, als Sigrid ist das Hollywood-Starlet Jo-Ann Ellis (Chloe Grace Moretz) vorgesehen, das sich vor allem mit seinen bizarren TV-Auftritten einen Namen gemacht hat, die jeder auf youtube genießen kann. Assayas inszeniert diese Spots mit sichtlichem Vergnügen –  als bissigen Kommentar zum Hollywood-Glamour.

Maria und ihre Assistentin Valentine (Kristen Stewart) ziehen in das Dorf im Engadin, proben das Stück und machen lange Wanderungen. Hier prallen zwei Welten aufeinander: die mondäne, etwas weltfremde Schauspielerin und ihre burschikose, eigensinnige, aber immer loyale Assistentin, sensationell gut gespielt vom einstigen Star der „Twilight“-Saga. Erst mit diesem Film wird klar, welch begnadete Schauspielerin Kristen Stewart ist. Sie spielt hier Juliette Binoche förmlich an die Wand.

Schnell wird deutlich: Die Beziehung von Marie zu Valentine ist eine Spiegelung der Beziehung von Sigrid und Helena. Nur dass diese nicht mit Maries Selbstmord endet. Doch die Proben fordern von beiden alles. Immer wieder reflektieren sie dabei die Wechselwirkung von (Schauspiel)-Kunst und Leben. Urkomisch die Szene, als sie zu einem 3D-Film ins Kino fahren, um Jo-Ann Ellis in einem Science-Fiction-Kracher  zu erleben. Auch hier spürt man Assayas’ Lust, mal aus seinem Kunst-Ghetto auszubrechen und trashiges Kino zu inszenieren – mit Chloe Grace Moretz und Nora von Waldstätten in den Hauptrollen.

Der Titel des Films bezieht sich übrigens auf ein Wetterphänomen im Engadin. An bestimmten Tagen zieht die warme Luft von den norditalienischen Seen über den Majola-Pass und windet sich als „Wolkenschlange“ durch das Engadin-Tal – als „Majola Snake“. Der Bergfilmer Arnold Fanck hatte 1924 einen Dokumentarfilm über dieses Phänomen gedreht, den Assayas uns natürlich präsentiert.

„Die Wolken von Sils Maria“ ist ein Film voller Brechungen, Neuansätze und Subtexte – mit drei tollen Schauspielerinnen. Die Komplexität dieses Meisterwerks ist beim einmaligen Sehen nicht zu durchschauen. Hier lohnt sich ein zweiter Blick.


 Jan-Barra Hentschel

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