Winterschlaf: Philosophisches Drama aus Kappadokien Kino

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Seit dem 11. Dezember 2014 im Kino: Abaton, zeise kinos


Der Türke Nuri Bilge Ceylan ist einer der bedeutendsten europäischen Filmregisseure unserer Zeit. Für „Winterschlaf“ erhielt er im Frühjahr bei den Filmfestspielen von Cannes völlig verdient die Goldene Palme. Das 196 Minuten lange Werk ist ein intensives, philosophisch geprägtes Drama aus Mittelanatolien.

In Kappadokien, einer wegen ihrer bizarren Felsformationen berühmten Landschaft und Touristenattraktion, betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) ein kleines Hotel. Jetzt im Winter ist nicht viel los, so kann er sich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Für die Lokalzeitung schreibt er wöchentlich eine Kolumne, die er wichtiger nimmt als die Ehe mit seiner sehr viel jüngeren Frau. Im Laufe der mehr als drei Stunden lernt man den Charakter des verschlossenen Mannes immer besser kennen. Aydin ist wohlhabend und gebildet, aber eben auch arrogant, rechthaberisch und belehrend. Ein unsympathischer Mensch, der sich mit jedem im Ort anlegt. Kein Wunder, dass ein kleiner Junge einen Stein gegen Aydins Auto wirft und das Seitenfenster zerstört. Diese Tat löst eine Kette von Ereignisse und Schicksalsschlägen aus, in die der Dorfgeistliche, dessen vorbestrafter Bruder und der Lehrer verstrickt sind.

In langen Gesprächen mit seiner Schwester und seiner Frau lotet Aydin das Leben an sich aus. Derart hochintelligente Dialoge hat man lange nicht mehr auf der Leinwand gesehen. Dass seine Ehe kurz vor dem Aus steht, wird in einer wunderbaren Szene deutlich. Seine Frau hat ihre soziale Ader entdeckt und einen Verein gegründet, der die Schwachen und Armen des Dorfes unterstützt. Sie lädt die Mitglieder ins Hotel ein und bittet ihren Mann, an der Versammlung nicht teilzunehmen. Ausgeladen zu werden – das hat Aydin noch nie erlebt.

Natürlich lebt der Film auch von seinen grandiosen Landschaftsaufnahmen des winterlichen Kappadokiens, melancholisch untermalt vom langsamen Satz der A-Dur-Sonate (D 959) von Franz Schubert. „Winterschlaf“ hat einen langen Atem, den auch der Zuschauer braucht. Doch der für Ceylans Verhältnisse überraschend dialogintensive Film ist keine Sekunde zu lang. Mitreißendes, aufwühlendes Kunstkino der Spitzenklasse!


 Jan-Barra Hentschel

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